Auf dieser Seite:
Holzfeuerzeuge Feuerstein und Feuerstahl Zunder und Feuerschwamm Brenngläser und Brennspiegel Radschlossfeuerzeuge Steinschlossfeuerzeuge Pneumatische Feuerzeuge Elektrische Zündmaschinen Galvanische Feuerzeuge Döbereinersche Feuerzeuge Luntenfeuerzeuge Amorceband-Feuerzeuge Platinfeuerzeuge Elektrische Feuerzeuge Benzinfeuerzeuge Gasfeuerzeuge
"hinden an der fallen ligt auch ein fewrzeug,
vnd innen darinnen das schraiflin [Schräubchen], schwebelkertzlen,
im daran das fläschlin das pulfer, disen spannt man wie
ain büchs, thut pulfer auf die pfannen, setzt den stain
darauf, richtet das schwebelkertzlin auch darauf, vnd
schraufets [schraubt es] bej ainer bett-statt in
die wand, so man nun will geschwünd ain liecht haben,
so zeucht man beim bendlin die feder, so gibt das rad
vnd stain fewr, wie auß ainer büchßen."
Hans Kuenlin/Jois Müller, 1617 |
"In England hat man Feuerzeuge, bei
welchen der Stahl die Gestalt einer Scheibe besitzt, und auf
einer Achse befestigt ist. Letztere ist in horizontaler Lage auf
einem kleinen Gestelle angebracht, trägt überdies eine eiserne
oder hölzerne Rolle, und wird mittelst eines Drehbogens, dessen
Saite man um die Rolle schlingt, schnell umgedreht. Während die
eine Hand den Drehbogen führt, hält die andere gegen den
Umfang der umlaufenden stählernen Scheibe dergestalt die
scharfe Kante eines Feuersteins, daß die untere Fläche
desselben mit einem Stückchen Schwamm in Verbindung steht, und
letzterer wird augenblicklich durch die erzeugten häufigen
Funken entzündet."
Karl Karmarsch, 1835
|
Radschlossfeuerzeuge
Beim Radschlossfeuerzeug handelt es sich - nach unserem
heutigen Verständnis - um das erste Feuerzeug im engeren
Sinne, da hier der Vorgang der Feuererzeugung durch Schlagen
oder Reiben nicht mehr manuell, sondern durch eine Mechanik
ausgeführt wird.
|

Radschlossfeuerzeug
Deutschland, 1. Hälfte 17. Jahrhundert
(Privatbesitz)
|
Beim Radschlossfeuerzeug ist das Ende einer V-förmigen
Feder über eine Kette mit einer Welle verbunden. Auf dieser
Welle sitzt ein Rad mit mehreren Riffeln. Mit einem
Schlüssel, der auf die Welle aufgesteckt wird, zieht man das
Schloss auf. Die Kette wird um die Welle gewickelt und so die
Feder gespannt. Dann wird der Hahn, zwischen dessen Backen ein
Stück Pyrit gespannt ist, gegen das Rad gedrückt. Beim
Auslösen des Radschlosses wird die Feder freigegeben. Sie
wickelt die Kette von der Welle und versetzt so das
daraufsitzende Rad in Drehung. Das über den Pyrit schleifende
Rad erzeugt Funken, die auf den darunter liegenden Zunder
fallen.
Die Entwicklung des Radschlossfeuerzeugs ist eng mit der
Entwicklung der Waffentechnik an der Wende zum 16.
Jahrhundert verbunden. Das Radschloss wurde wahrscheinlich im
letzten Viertel des 15. Jahrhunderts in Nürnberg erfunden und
diente zum Zünden von Handfeuerwaffen anstelle der zuvor
üblichen Luntenschlossgewehre. Seine Erfindung ist lange Zeit
fälschlich Leonardo da Vinci zugeschrieben worden, der im
zwischen 1500 und 1505 angelegten Codex Atlanticus ein
Radschloss und ein Radschlossfeuerzeug zeichnete.
|

Früheste Darstellung eines Radschlossfeuerzeugs
Nürnberg, 1505
(Stadtarchiv Nürnberg nach einem verschollenen Original
der Preußischen Staatsbibliothek Berlin)
|
Doch bereits im Jahre 1501 wurden Radschlossgewehre
außerhalb Italiens verwendet und eine vom Nürnberger
Patrizier Martin Löffelholz 1505 angelegte Sammlung von
Zeichnungen bekannter
Erfindungen zeigt zwei verschiedene Radschlossfeuerzeuge. Beim ersten, primitiveren Typ
wird das Rad von einem um die Welle gewickelten
Lederriemen bei dessen ruckartigem Herausziehen in Drehung
versetzt. Ein auf der gleichen Welle befestigter zweiter
Riemen wird dabei gleichzeitig mit aufgewickelt, so dass das
Feuerzeug sofort wieder benutzt werden konnte. Seine zweite Zeichnung zeigt ein Radschlossfeuerzeug mit
einer Feder zum Aufziehen in der oben beschriebenen Art, das auf
einer Trägerplatte befestigt ist.
Um 1585 listete Balthasar
Hakker, der Zeugverwalter des sächsischen Kurfürsten August,
in einem knapp 2000 Werkzeuge umfassenden Inventar unter
anderem ein Feuerzeug auf. Das älteste erhaltene Radschlossfeuerzeug
wurde zwischen 1610 und 1617 von
den Augsburger Schlossern Hans Jacob Kuenlin und Jois Müller
für den sogenannten Pommerschen Kunstschrank angefertigt, einen
für Herzog Phillip II. von Pommern angefertigten
Kabinettschrank, der
hunderte kleiner, künstlerisch veredelter Geräte sowie Kuriositäten und komplizierte
Apparaturen enthielt.
Die Zahl erhaltener Radschlossfeuerzeuge ist sehr gering.
Anscheinend handelte es sich um Einzelanfertigungen. Neben
dem Feuerzeug aus dem Pommerschen Kunstschrank ist noch ein Exemplar aus dem ehemaligen Bryant-and-May-Museum
of Fire-making Appliances bekannt, das sich heute heute Science Museum
London befindet. Ein weiteres, grob gearbeitetes Exemplar
liegt im Deutschen
Museum in München. Bei diesem handelt es sich um
ein Gewehrschloss, das zu einem Feuerzeug
umgearbeitet wurde, in dem man an das Schloss einen eisernen Fuß und
drei Kerzenhalter anschmiedete.
Das auf dieser Seite abgebildete Radschlossfeuerzeug stammt
aus der Mitte des 17.
Jahrhunderts. Es ist mit "Pavl Kohl in Kappel"
bezeichnet und entspricht in Konstruktion und Gestaltung
sogenannten Teschinken-Schlössern. Dieser Radschlosstyp wurde
in der schlesischen Stadt Teschen zwischen
1590 bis gegen 1700 für Gewehre mit einer besonderen
Schaftform an gefertigt wurde und der sich durch die
außen am Schloss liegende Schlagfeder auszeichnet.
|

Feuerzeug mit rotierenden Stahlrad
Nürnberg, 1505
(Stadtarchiv Nürnberg nach einem verschollenen Original
der Preußischen Staatsbibliothek Berlin)
|
In England kamen Feuerzeuge, deren Rad mit einem um eine
Achse gewickelten Riemen in Drehung versetzt wurde und daher
der Löffelholz-Zeichnung von 1505 stark ähneln, etwa um das
Jahr 1820 wieder in Gebrauch. Von den in England als
"wheel tinder-box" oder "steel mill"
bezeichneten, aus lackiertem Eisenblech hergestellten
Feuerzeugen sind nur wenig mehr als ein Dutzend Exemplare
bekannt. Ihre Seltenheit erklärt sich aus dem Erfolg der
gleichzeitig erfundenen chemischen Feuerzeuge bzw.
Zündhölzer.
|