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Mittelalter Neuzeit Damenrasierer Ladyshave
»Ut capillos non renascant. Sandaraca, hyreus,
iosquiami sucum equis ponderibus misce et loca
contingens, et capilli cadent numquam ulterius exituri.
... Item aliud siue in oculis siue in quolibet membrum
nepili renascant. cicute sucus cum aqua euulsit ex
oculis pili et per triduum adhibebis et non renascunt.
Item aliud. Urinam uituli cum sapa inlinis. Item.
Sanguinem recini canini inlinis aut fel hyrondinis uel
sanguine.«
Codex Bambergensis, Bayerische Staatsbibliothek
München, Msc. med. 2 (L. III 6), fol. 23v-24r: Damit
die Haare nicht wieder wachsen. Vermische Sandaraca,
Iris und Saft vom Bilsenkraut zu gleichen Teilen und
bestreiche den Ort, und die Haare fallen aus und kommen
niemals wieder hervor. ... Ebenso ein anderes Mittel
damit entweder um die Augen oder einem beliebigen
Körperteil keine Haare mehr wachsen. Schierlingssaft
mit Wasser vertreibt die Haare aus den Augen und wendest
du es drei Tage an, wachsen sie nicht mehr nach. Ebenso
ein anderes: Streiche Urin vom Kalb mit eingedicktem
Most darauf. Ebenso: Streiche vom übrigbehaltenen
Hundeblut darauf oder Schwalbengalle oder deren Blut. |
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»Er sprach: welle daz hâr ûz gên, sô nim newen
chalch unde derre in vlîzechlîchen in dem fiure unde
nim auripigmentum (daz ist gelw varwe) unde ole unde nim
den chalch in einem niwen haven unde luzel wazers unde
oles auripigmentum unde lâ daz under einender wallen.
Swenne dû danne versuochen wellest, ob ez frume sî,
sô nim ein rûche vedere unde stôz si dâ în: wirt si
als palde blôz, sô ist diu erzenîe gar; ist des niht,
sô lâ si als lange wallen, unze diu veder blôz werde.
Sô gehalt die erzenîe: swâ dû si hine strîchest,
dâ wirt diu hout blôz als ein glas.« München,
Staatsbibliothek, Cod. germ. 92, 9vb-10ra |
»Oder súd sprúwer lang vnd fast vnd gúss sy an die
statt, da du das har wellist uertriben.«
Nürnberg,
Stadtbibliothek, Cod. Amb. 55, Nr. 400: Oder siede Spreu
lang und kräftig und gieße sie an die Stelle, wo du das Haar
vertreiben willst. |
»Du salt nemen quicsiluer
ind slaen dat so langhe mit eyn luttinck ettickes, dat id
verteert sij mit deme etticke, dat id late alse salue, ind
strijken dan dat vp perment off up laken, dat let alse id
berne in den cisteren.«
Stockholm, Königliche Bibliothek, HS X 113, fol. 2r: Du sollst Quecksilber nehmen
und es so lange mit einem wenig Essig schlagen, das es sich
mit dem Essig vermischt, das es aussieht wie eine Salbe und es
dann auf Pergament oder auf ein Tuch streichen, das lässt sie
ebenso verbrennen. |
»De jungen
swalen de to puluere gebrant unde myt castorien gemenget unde
myt myt eyn luttik etickes unde ene clocke ouer dat vur gedan,
darvth schal men water vntfangen. Dayt water schal men heten
aqua irundinea. ... Dyt water myt ysope ... dot dat har afgan,
dar men id wriuet, unde wasset nummermer.«
London, British Museum, Hs. Sloane 345, fol. 59v-60r:
Junge
Schwalben zu Pulver gebrannt und mit Bibergeil und mit ein
wenig Essig vermengt und eine Stunde über das Feuer gestellt,
daraus soll man das Wasser auffangen. Dieses Wasser soll man
aqua irundinea nennen. ... Dies Wasser mit Hyssopus
officinalis läßt das Haar abfallen, wo man es einreibt und wächst
nimmermehr. |
»Wer woll, das im nicht har wachs, der prech das har auß vnd streich fledermeuß blut
oder junger kroten blut oder hundes milch dahin, so weschet es
nicht.«
Nürnberg, Stadtbibliothek, Cod. Amb. 55, Nr. 37: Wer will, das ihm das Haar nicht wächst, der
breche das Haar aus und streiche Fledermausblut oder das Blut
junger Kröten oder Hundemilch dahin, so wächst es nicht. |
»Wellest du das daz har nit wahss, / so nim eglan
vnd tue si in ainen hafen / vnd brenne si ze puluer, vnd
zu der selben / stund, da du das har vss geroffest: dar
an sæge / das puluer. ... Das din har vss ge: / Salb
dich mit nesselsomen, gemischet mit essich, / so du wol
hais sigest vnd swiczet in ainem / bad; wa du denne wilt,
da strich es hin: es vellet / vss.«
Karlsruhe, Kodex St. Georgen 73, fol. 205v und 214r:
Willst du, dass das Haar nicht wächst, so
nimm Egel und tue sie in einen Topf und brenne sie zu Pulver.
Und zur gleichen Zeit, zu der du das Haar ausgerupft hast, tue
das Pulver daran. |
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Mittelalter
Rezepte
zur Entfernung »lästigen« Haarwuchses finden sich auch in
der frühmittelalterlichen Rezeptliteratur. Nach einem Rezept
des Bamberger Codex rieb man die betreffenden Stellen mit
einem Gemisch aus Pflanzensäften (Sandaraca, Iris und
Bilsenkraut) ein, worauf die Haare ausfallen und nicht mehr
nachwachsen sollten.
In
gleicher Weise werden Schierlingssaft, Kalbsurin mit
eingedicktem Most, Hundeblut mit Bilsenkraut oder
Schwalbengalle als Haarvertilgungsmittel genannt. Aus
gleicher, ursprünglich antiker lateinischer Quelle stammend,
finden sich diese Mittel auch in anderen Rezeptbüchern der frühmittelalterlichen
Klostermedizin. Allerdings stellt sich für diese Zeit die
Frage nach der Verbreitung der Manuskripte und damit dem tatsächlichen
Bekanntheitsgrad der Mixturen. Zudem belegt das Vorhandensein
der Rezepte nicht deren Verwendung, insbesondere bei den
Enthaarungsmitteln mit zweifelhaften oder unappetitlichen
Bestandteilen.
Mit
der Rezeption der arabischen Medizin im Abendland gelangten
auch deren kosmetische Rezepte nach Europa, wobei diese
vielfach auf griechischen Quellen fußten. Jedoch wurden der
vorwiegend auf Pflanzenextrakten beruhenden griechischen
Medizin einige Mineralien hinzugefügt, wie etwa das
Quecksilber, das sich später auch in Depilatorien findet.
Bei
dem arabischen Mediziner Rhases (Abu Bakr al Razi, † 924)
findet sich ein Haarentfernungsmittel, das sich auch in den um
1180 entstandenen Vorlesungsniederschriften des
langobardischen Wundarztes Roger Frugardi wiederfindet. In der
deutschsprachigen Überlieferung taucht dieses Mittel Ende des
12. Jahrhunderts in einem fingierten Brief auf. »Ein meister hiez Johannes Furia,«
begann er, »der schreip sîner
friundinne, diu hiez Cleopatra, dise erzenîe.« Der
kosmetische Anwendungsbereich ergab sich aus der
Briefadressatin, denn die ägyptische Königin Kleopatra als
legendäre Schönheit wurde für die Verfasserin eines »Kosmetikons«
gehalten.
Zur
Herstellung dieses Mittels wurde Ätzkalk (Calciumoxid) über
dem Feuer nochmals gebrannt, dabei wurde Auripigment (Arsen-III-sulfit)
hinzugefügt und mit etwas Wasser und Öl zu einem Brei verrührt.
Diese
Mischung war zwar nicht gerade hautfreundlich, aber zur
Haarentfernung hochwirksam und entspricht mit einigen
Modifikationen - etwa dem Ersatz des Arsensulfits durch
andere Verbindungen - selbst heute angebotenen
Depilatorien. Das enthaltene Auripigment war kaum gesundheitsförderlich,
aber auch nicht hochtoxisch, so dass auch die Verwendung im
Mundbereich ohne nachteilige Folgen blieb.
Das
erklärt seine außerordentlich weite Verbreitung in
mittelalterlichen und nachmittelalterlichen Rezeptsammlungen.
Schönheitsmittel finden sich einzeln oder in Gruppen
zusammengefaßt in vielen Rezeptuarien. Es gab aber auch ganze
Sammlungen ausschließlich kosmetischer Rezepte, wie das
anglo-normannische »Ornement des Dames« aus dem 13.
Jahrhundert oder die so genannte »Trotula minor«, die dem Frauenarzt Trotula von Salerno
zugeschrieben wird und die wohl umfänglichsten Sammlung des
mittelalterlichen kosmetischen Rezeptschrifftums darstellt.
Neben
dieser wirksamen Methode finden sich in der mittelalterlichen
Rezeptliteratur noch andere Haarentfernungsmittel - von
allerdings eher zweifelhafter Zusammensetzung. Verschiedene
Rezepte empfahlen, sich das Haar mit Wasser zu waschen, in dem
man zuvor die aus dem Korn gedroschene Spreu gekocht hat, um
so die Haare zu vertreiben. Den gleichen Zweck sollte eine
Mixtur aus mit Essig verquirltem Quecksilber oder eine
Zubereitung aus jungen, zu Pulver gebrannten Schwalben,
Biebergeil und Essig erfüllen. Das Einreiben mit dem Blut von
Fledermäusen oder jungen Kröten oder mit der Milch von
Hunden sollte das Nachwachsen der zuvor ausgezupfter Haare
unterbinden. Andere Rezepte nannten für denselben Zweck
zerkochte Blutegel oder während eines heißen Schwitzbades
aufgestrichene, mit Essig gemischte Nesselsamen.
Wofür
aber wurden diese Haarentfernungsmittel verwendet? Die Grenze
zwischen Arzneien zur Krankheitsbehandlung und Schönheitsmitteln
sind im Mittelalter fließend; ihre Autoren unterschieden
nicht zwischen medizinischen und kosmetischen
Anwendungsgebieten.
Häufig stehen Haarentfernungsmittel
zwischen Rezepten gegen Hautkrankheiten, Haarflechte, Grind
oder Milbenbefall. Bei dieser Indikation wurden in einer Art
Radikalkur alle Kopfhaare entfernt, um die Krankheit zu bekämpfen.
Anschließend wendete man ein Haarwuchsmittel an, um das ursprüngliche
Aussehen wiederzuerlangen.
In ihrer kosmetischen Verwendung
diente das Mittel zum Entfernen der Haare von der Stirn, zum
Entfernen der Augenbrauen, zum Vertreiben der Haare aus dem
Gesicht zusammen mit dem Erlangen einer weißen Gesichtshaut
oder gleichzeitigem Erzielen einer sanften Haut ohne
Unreinheiten. Letztlich werden Haarentfernungsmittel in
mittelalterlicher Zeit auch zum Entfernen der weiblichen
Schambehaarung angewandt, wobei es schwierig ist zu
beurteilen, inwieweit es sich um tatsächlich geübte Praxis
oder um einen fernen Nachklang des arabischen Ursprungs dieses
Rezepts handelte, wo die Entfernung der Körperbehaarung
allgemein üblich war.
Neben
chemischen Haarentfernungsmitteln wurden im Mittelalter auch
mechanische Instrumente verwendet. Bereits im 13. Jahrhundert
galten Rasiermesser als notwendige Instrumente der weiblichen
Kosmetik, ebenso Pinzetten.
Eine schneeweiße, blanke Haut am
ganzen Körper gehört zum Idealbild weiblicher Schönheit,
das in der höfischen Dichtung des 12. und 13. Jahrhunderts
gezeichnet wird. Blanke, weiße Arme und Hände, ein
ebensolcher Nacken und stark gewölbte, schmale, fadenförmige
Augenbrauen sind Elemente, die in den mittelhochdeutschen Epen
regelmäßig enthalten sind und dem Anwendungsbereich der Schönheitsmittel
entsprechen.
Die verheirateten Frauen des Mittelalters trugen
ihr Haar nicht offen, sondern verbargen es unter Tüchern oder
kunstvollen Hauben. Offenes Haar war bei »ehrbaren« Frauen
verpönt und das verhüllte Haar bekundete zudem die
Unterordnung der Frau unter den Willen des Mannes, der allein
das Recht hatte, sie unbedeckt zu sehen. Nur unverheiratete
Jungfrauen trugen ihr Haar unverhüllt. Im 15. Jahrhundert
jedoch wurde das Haar wieder vollständig den Blicken entzogen
und unter Hauben verborgen. Um das Gesicht zu strecken, wurde
der Haaransatz künstlich höher verlegt. Eine hohe, weiße
Stirn entsprach dem damaligen Schönheitsideal und so wurde
das Haar an Stirn und Schläfen bis zum Haubenansatz
ausgezupft, abrasiert, mit Bimsstein abgerieben oder chemisch
entfernt.
Dazu sollen verdünnte Augenbrauen die Stirn höher
erscheinen lassen, das Auszupfen ist bereits für die Zeit
nach 1300 belegt und wurde zumindest im angelsächsischen
Bereich bereits Ende des 14. Jahrhunderts auch von unteren Bevölkerungsschichten
nachgeahmt. Bis ins Extrem gesteigert findet sich die Mode der
hohen Stirn in der italienischen Renaissance, etwa bis zum
letzten Drittel des 15. Jahrhunderts. Danach wird das
Entfernen der Stirnhaare zugunsten einer breiter wirkenden
Stirn mit anderen Frisuren aufgegeben.
Ausgangs
des Mittelalters wurden die handschriftlich tradierten Arzneibücher
gedruckt und zu riesigen Sammlungen zusammengefasst. Damit
wurden auch die Haarentfernungsmittel weitertradiert. Von dort
fanden diese Mittel Eingang in die Hausbuchliteratur. Colerus
gibt in seiner »Oeconomia ruralis« insgesamt neunzehn
Haarentfernungsmittel an. Darunter befinden sich nahezu alle
hier angeführten Mittel, neben den wirksamen auch jene mit
absonderlichen Bestandteilen, wobei Colerus diesen noch einige
hinzufügt: Katzendreck, Bocksgalle, Fledermaushirn, glühendes
Gold, die Wurzeln von Schellkraut oder Maiglöckchen sind ihre
Bestandteile.
Sie sollten der Entfernung der Haare aus dem
Gesicht, der Augenbrauen und dem Erzielen einer hohen Stirn
dienen. Dies entsprach jedoch offenbar weniger dem zeitgenössischen
Anwendungsbereich, sondern spiegelt vielmehr deren Verwendung
in Spätmittelalter und Renaissance wieder.
Die
Hausbücher sorgten für die stete Bekanntheit der Mittel in
den folgenden Jahrhunderten. So erschien das Rezept mit den zu
Pulver gebrannten Blutegeln noch im Jahre 1860 in Gollmanns »Toilette-Lexikon
für die elegante Welt«! Zudem machten die Hausbücher
die Haarentfernungsmittel auch unteren Bevölkerungsschichten
zugänglich, wie das aus der Hausbuchliteratur übernommene
Depilatorium in einem von einem Postgehilfen angelegten Kräuterbuch
aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigt.
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