Phosphornekrose
Die Bequemlichkeit der frühen Streichhölzer im täglichen
Gebrauch hatte ihre Schattenseiten. Denn der zu ihrer Herstellung
verwendete weiße Phosphor ist hochgiftig und die Berichte und
Bilder über die Berufskrankheiten der Zündholzarbeiter
gehören zu den erschütterndsten des an solchen Schilderungen
nicht armen 19. Jahrhunderts.
In den Zündholzfabriken war die
Luft so mit Phosphor durchsetzt, dass deren Wände und
Einrichtungsgegenstände nachts leuchteten und "die
Arbeiter oft solche Mengen an Phosphordämpfen einathmeten,
daß im Dunkeln ihr Athem leuchtend wurde." Die Arbeiter,
die Dämpfe einatmeten, fühlten sich krank, erschöpft und
schwach. Es kam vor allem zu einer als Phosphorismus
bezeichneten extremen Neigung zu Knochenbrüchen.
Der eingeatmete Phosphor führte im Körper zur
Ozonbildung und dadurch zu einem Zerfall der Eiweiße. Die
Zahnschmerzen, die am Anfang der Erkrankung standen, schienen
zunächst harmlos. Doch aus der anfänglichen Schwellung
der Kiefernschleimhaut entwickelten sich Eiterherde, die sich
immer weiter ausbreiteten. Nur selten war es
möglich, die Krankheit in diesem Stadium noch zu stoppen, in
der überwiegenden Zahl der Fälle kam es zur Nekrose des
Kiefers. Bald trat nicht mehr nur Eiter aus, "sondern
blutgemischte Jauche, der oft Knochenstücke beigemengt sind.
Der Knochen ist angefressen, er ragt oft ganz nackt in die
Mundhöhle hinein."
Die Phosphornekrose ließ sich nur
noch durch eine Amputation des Unterkiefers, oft auch von
Teilen des Oberkiefers aufhalten, wenn der Kiefernknochen
nicht von selbst abgestoßen wurde. Oft aber war es nicht möglich,
die Phosphornekrose zum Stillstand zu bringen und
zeitgenössische Mediziner mussten feststellen, in
fortgeschrittenen Fällen könne "der Tod nur als
Erlöser von unsäglichen Qualen betrachtet werden."
Der erste Fall trat bereits 1833 auf, und nach einiger
medizinischer Diskussion war spätestens seit Mitte der 1840er
Jahre der Phosphor als Ursache der dann sogenannten
Phosphornekrose allgemein anerkannt. Das genaue Ausmaß der
Krankheit kann nicht genau bestimmt werden, bis zu 10% aller
in der Zündwarenherstellung Beschäftigten dürften an ihr
erkrankt sein. Die Todesrate war hoch; im allgemeinen stellte
sich die Krankheit nach fünf Jahren Tätigkeit ein - manchmal
jedoch schon nach einem Jahr und manchmal erst, nachdem man
bereits Jahre andernorts gearbeitet hatte.
Lange glaubte man,
die Krankheit mit billigen, aber vollkommen unzulänglichen
Mitteln wie regelmäßigem Lüften verhindern zu können.
So wurde in der Regierungsverordnung "Zur
Verhütung der Kieferknochen-Krankheit in
Phosphorzündhölzchen-Fabriken" des Großherzogtums
Hessen im August 1852 eine strikte bauliche Trennung der
Arbeitsräume ohne Verbindungstüren und eine
"angemessene Ventilation" angeordnet. Aber mit dem
vorgeschriebenen dreimaligen Lüften am Tag und dadurch, dass
"nur kräftige, gesunde Individuen" zum Tunken
verwendet werden durften, die regelmäßig ausgetauscht werden
sollten, war die Krankheit natürlich nicht zu bekämpfen.
Selbst diese Minimalmaßnahmen wurden regelmäßig missachtet
und "so befremdend es nun sein mag, ist es
nichtsdestoweniger Factum, daß man unter zehn Fabriken kaum
zwei findet, welche diesen Bestimmungen genüge leisten."
Problematischer noch als in den Fabriken war die
Herstellung der Zündhölzer in Heimarbeit. Da sie wenige Geräte
erforderte, konnte sie auch unter primitiven Bedingungen
erfolgen. "Nicht selten fand man ... in den von der
ärmeren Classe bewohnten Vierteln, mitten unter einer
dichtgedrängten Bevölkerung, die ganze Zündwaarenfabrik in
einer gewöhnlichen Stube untergebracht. Eine gewöhnliche
Hobelbank lieferte die Holzdrähte, auf einem Kochofen wurde
die Zündmasse gekocht und das erste Tunken vorgenommen; das
Austrocknen der fertigen Zündhölzer geschah durch Aufhängen
der Rahmen in der Nähe des Ofens."
Bis zur Jahrhundertwende gelang es
nicht, die Zündholzfertigung in der Hausindustrie zu
unterbinden. Sie wurde entgegen allen Bestimmungen -
insbesondere in Neustadt am Rennsteig, wo die ganze
Bevölkerung von der Zündholzfertigung abhing - heimlich oder
mit stillschweigender Duldung der Behörden weiterbetrieben.
Unter diesen Bedingungen traten Fälle von Phosphornekrose bis
in das 20. Jahrhundert immer wieder auf. Sie verschwand
endlich durch das 1903 beschlossene, aber erst ab 1907
geltende Verbot der Herstellung von
Weißphosphorzündhölzern.
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