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"Wie jede Steuer, die den breitesten Massenkonsum
erfaßt, so mußte auch die Zündholzsteuer die unteren
Klassen des Volkes verhältnismäßig viel mehr belasten, wie
dessen obere Schichten. Und das ist natürlich, denn das
Zündhölzchen ist nun einmal ein notwendiger
Gebrauchsgegenstand, der in der kleinsten Hütte nicht fehlt.
Daß auch das Publikum das Unsoziale der ganzen Steuer
erkannte, beweist die spätere starke Erbitterung gegen
sie."
Walter Zürn, 1913 |
"Es trat während dieser Zeit eine förmliche Jagd nach
dem Streichholz ein. Jeder suchte sich noch unversteuerte
Zündwaren anzuschaffen, um wo möglich auf lange Monate
hinaus seinen Bedarf zu decken, und den Zeitpunkt, wo er sich
der unbeliebten Steuer unterziehen muß, recht weit
hinauszuschieben. Die Vorversorgung nahm vielfach sogar
lächerliche Formen an, denn auch die begüterten Schichten
der Bevölkerung schlossen sich bei der ganzen Bewegung nicht
aus"
Walter Zürn, 1913 |
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"Es war, als wollte sich die ganze Sparsamkeit des
Volkes im Wenigergebrauch von Zündhölzern konzentrieren. Es
wurden wieder Fidibusse gebraucht, die halbverbrannten
Zündhölzer nochmals benutzt, indem sie über der Lampe zum
Entflammen gebracht wurden, von vielen Wirtshaustischen
verschwanden die Zündholzständer, und nur aus Opposition
gegen die Steuer." Zeitschrift für Zündwaren-Fabrikation,
1910 |
"Kaum hat uns der Reichstag die
Zündholzsteuer beschert, da wird auch schon der Markt mit
"Feuerzeugen" überschwemmt, die billigen Ersatz
für die verteuerten Schweden bieten sollen. Der Landmann
hinterm Pfluge holt wieder Zunder, Stahl und Feuerstein aus
der Westentasche und klopft "Schwamm". Im Schrank,
wo die "alten" Neuheiten ruhen, suchen wir nach dem
Knipser, der durch ein Zündplätchen einen Benzindocht
entzündet. Der Gentleman kauft sich ein
Platinfeuerzeug."
Max Gerlach, 1909 |
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"Lediglich, um gegen die ungeheure Preiserhöhung zu
protestieren, sind alle möglichen Feuerzeuge, sogenannte
Selbstzünder angeschafft worden. Den Zündhölzern sind in
den Feuerzeugen Wettbewerber erwachsen, die heute derart die
Gunst des konsumierenden Publikums erworben haben, daß die
deutsche Zündholzfabrikation völlig darniederliegt." Zeitschrift für
Zündwaren-Fabrikation, 1910 |
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Zündholzsteuer
Im Jahre 1909 wurde im Rahmen der Reichsfinanzreform
gemeinsam mit einer Reihe weiterer Bagatellsteuern in
Deutschland eine besondere Zündholzsteuer auf Streichhölzer
und andere Zündwaren erhoben. Man erhoffte sich einen
beachtlichen Ertrag, denn in anderen europäischen
Staaten flossen dem Staat beachtliche Summen aus derartigen Steuern
zu.
Mit
der Zündwarensteuer sollte auch der von latenter Überproduktion
gekennzeichnete Markt reguliert werden. Eine Kontingentierung
erlaubte den Herstellern
eine Produktion zum normalen Steuersatz nur bis zu einem
bestimmten Umfang. Bei Überschreiten dieser Menge wurde ein erhöhter Steuersatz auf die gesamte
Produktion erhoben.
In der Zeit vor Inkrafttreten des
Gesetzes versuchte
die Bevölkerung, sich durch Hamsterkäufe einen möglichst
großen, Monate oder Jahre reichenden Vorrat an unversteuerten
Streichhölzern anzulegen. Obwohl die steuerliche Belastung
für den Einzelnen verschwindend gering war, nahmen die
Hamsterkäufe einen enormen, teilweise grotesken Umfang an.
Der Import von Streichhölzern verdreißigfachte sich, während der Export um 70% zurückging und
alle Fabriken bis an die Grenze ihrer Kapazität produzierten.
Nach
Inkrafttreten der Steuer minimierten weite Teile der
Bevölkerung ihren Zündholzverbrauch, um in einer Art
passivem Widerstand gegen die verhasste Steuer zu protestieren.
Als Baukasten wurde die "Galopp"-Miniatur-Zündholzfabrik
angeboten, mit deren Hilfe man seinen persönlichen Bedarf selbst fabrizieren
sollte. Einige Hersteller boten Streichhölzer mit zwei Zündköpfen
an. Einen ähnlichen Zweck verfolgte
ein "Streichholz-Spaltapparat", mit dessen Hilfe der
Verbraucher seine Zündhölzer der Länge nach spalten konnte.
Unter dem Motto "Mach' Dein Feuer ohne Steuer"
griff eine nicht unerhebliche Zahl wieder auf den
umständlichen Feuerstahl zurück, nur um die Steuern zu
umgehen. Das Gesetz enthielt allerdings eine Lücke: Besteuert
wurden nur Streichhölzer und andere mit einem Zündkopf
versehene Zündwaren, nicht aber mechanische Feuerzeuge.
"Unter den verschiedensten Formen tauchten die
mechanischen Feuerzeuge beim Publikum auf. Am
gebräuchlichsten und bekanntesten sind die Taschenfeuerzeuge,
daneben aber auch die Zündzangen, Gaszünder, elektrische
Zigarrenzünder und ähnliches mehr." Mit einer Werbung wie
"Wir brauchen keine teuren
Streichhölzer Mehr" und "Macht Euch Feuer ohne
Steuer" pries man die Feuerzeuge an und freute sich über den
"Reinfall des Staates mit der Zündholzsteuer".
Es kam zu einem massiven
Rückgang des Verbrauchs und in der Folge zu
Fabrikschließungen, Massenentlassungen und Lohnkürzungen in
der Zündholzindustrie. Die Besteuerung verstärkte jedoch nur
einen bereits bestehenden Trend. Schon Ende des 19. Jahrhunderts
wurde "das Zündhölzchen
vielfach schon als lästiges und unbequemes Feuerzeug
empfunden", da das elektrische Licht es ermögliche,
"dass mit dem Öffnen der Zimmerthür zugleich auch die
ganze Behausung in hellem Lichte erstrahlt."
Es waren es weniger die Feuerzeuge, die den Verbrauch der Streichhölzer zurückgehen ließen.
Denn mit der zunehmenden
Elektrifizierung der Haushalte wurde das Anzünden von
Streichhölzern durch eine Drehung am Lichtschalter ersetzt. Hinzu kam die Ablösung
der
Kohle- durch Elektroherde und der Einzelheizung mit Kohleöfen
durch Zentralheizungen.
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